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Sintflut für alle

„Was sind denn das für Vampire?“ Julia sitzt in meiner Küche und schimpft. Sie ist richtig wütend. Sie sieht süß aus, wenn sie wütend ist.

„Man kann doch nicht mit Vampiren machen, was man will. Die müssen doch irgendwie urheberrechtlich oder gattungstechnisch geschützt sein. Oder nicht? Man muss die doch schützen können!“

Ich sage: „Julia, wenn Du so wütend bist, dann siehst Du richtig süß aus.“

Sie nimmt den Klotz Butter vom Teller und wirft ihn mir an den Kopf. Ich lächle. Manchmal finde ich es ganz hübsch mit fettigen Lebensmitteln beworfen zu werden. Irgendwie fühlt man sich da nochmal 25 Jahre jünger.

Julia war mit ihren Nichten im Kino gewesen. In Twilight, der Verfilmung von diesen Mords-Super-Wahnsinns-Vampirweltbestsellern: „Biss zur Dämmerung“, „Biss zur Morgenstunde“, „Biss die Schwarte kracht“, „Biss keiner mehr steht“, „Biss der alte Holzmichel noch lebt“ und „ Biss was weiß ich, nicht noch alles!“. Eben diesen Vampirromane von Stephanie Myers, einer Mormonenfrau, die diese Bücher geschrieben hat, in denen eine junge Frau einen total gutaussehenden Vampir liebt.

Dagegen ist nichts zu sagen. Das habe ich auch schon oft gemacht. Allerdings ist dieser Vampir zudem extrem höflich, sehr anständig, er beißt niemals Menschen und vor allen Dingen: er lehnt Sex vor der Ehe ab. Sozusagen ein Mormonenvampir.

Das ist zuviel für Julia: „Was bitteschön soll das sein? Ein Vampir, der außerehelichen Geschlechtsverkehr ablehnt? Na super! Hat die eigentlich auch mal einen Moment darüber nachgedacht, warum man sich Vampire überhaupt ausgedacht hat? Wofür die eigentlich symbolisch stehen? Wenn ich schon einen Vampir am Hals habe, will ich doch zumindest auch, dass der…,dass der … Ich meine, das ist doch wohl mein gutes Recht, oder nicht?“

Ich schließe das Küchenfenster. Julia ist irritiert. “Was soll das? Ist Dir peinlich, was ich erzähle?

Nein mir war nur kalt.

Horst, es ist draußen wärmer, als hier drinnen.

Na gut, dann war mir eben heiß.

Ein kurzes Blitzen in ihren Augen, dann klatscht ein Löffel Marmelade auf meine Stirn.

Alles, was recht ist, aber zielen kann sie wirklich gut. Julias aktueller Freund mag es nicht, wenn sie ihn mit Lebensmitteln bewirft, auch nicht, dass sie so laut pöbelt oder schimpft.

Da sie ihn ansonsten aber wirklich sehr gern hat und sie eben die junge Beziehung nicht unnötig belasten möchte, hat sie mich gefragt, ob sie nicht einmal die Woche zu mir zum Pöbeln und Sachen werfen kommen kann.

Ein sogenanntes Schimpffrühstück. Sie bringt alles fürs Frühstück mit, erledigt auch noch ein paar Büroarbeiten für mich und dafür darf sie dann anderthalb Stunden lang laut und hemmungslos schimpfen und auch mit Lebensmitteln werfen. Ohne dass irgendjemand nachtragend oder beileidigt wäre.

Das funktioniert super. Wir haben schon überlegt, ob wir nicht wöchentlich große Schimpfrunden für bis zu 20 Teilnehmer anbieten sollten. Sozusagen professionell, gegen Eintritt mit Frühstück inklusive.

Es klingelt. An der Tür. Ich gehe hin und öffne. Ein Mann steht davor. Er starrt mich an:
Guten Tag, Herr, äh, …“, er schaut aufs handgeschriebene Klingelschild, “Eppers?

Ich nicke ihm zu. “Ja?

Ääh, Herr Eppers, wissen Sie, dass Sie eine Brötchenhälfte auf dem Kopf tragen?”

Ja.

Und an der Stirn…

Das ist Marmelade und Butter.

Hm. Sie sind nicht besonders geschickt beim Essen, oder?

Geht so. Was gibt es denn?

Ich komme von der Initiative `Sintflut jetzt!`, wir sammeln Unterschriften für eine möglichst bald und unverzüglich durchzuführende neue Sintflut auf dieser Erde.

Ach, wer schickt Sie denn?

Gott.

Gott?

Ja, Gott.

Gott sammelt diesmal Unterschriften für seine Sintflut?

Ja, Gott will demnächst viel mehr mit direkter Demokratie, Volksbegehren und so arbeiten.

Ach…

(der Auszug endet hier.)

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