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Was einem keiner dankt

Rennrodeln war sicherlich nie eine der Sportarten, die mir in meinem Leben bislang sonderlich aufgefallen sind.

Umso überraschter war ich, als ich in irgendeinem Winter feststellen durfte: Das interessiert dich! Also Rennrodeln. Der Sport. Vermutlich. Zumindest musste ich einräumen, dass ich die Rennrodelübertragungen mit ständig wachsender Begeisterung verfolgte. Mir teilweise sogar den Wecker dafür stellte. Jedoch nicht wusste, warum. Klar, man staunt immer wieder, was einen so alles interessieren kann, wenn man es nur lange genug beobachtet. Jeder Wissenschaftler wird einem das bestätigen. Aber Rennrodeln?

Man sollte dazu wissen: Ich verstehe nichts vom Rennrodeln. Nach wie vor nicht. Trotz meiner Obsession. Ob da so ein Lauf, so eine einzelne Wettbewerbsfahrt gut oder schlecht ist, kann ich vom reinen Zugucken her nicht beurteilen. Es sei denn, jemand stürzt. Dann wage auch ich mal eine vorsichtige Meinung: «Ah, das war jetzt wahrscheinlich eher nicht so gut. Da hätte ich von abgeraten.»

Wobei, selbst dann werfe ich erst nochmal einen Blick auf die Wettkampfuhr. Rennrodeln gewinnt für mich seine Spannung nämlich nur durch die mitlaufende Zeit. Von der Dramatik her könnte ich auch einfach nur so einer Uhr beim Laufen und irgendwann Stoppen zugucken: «Oh, guck mal, die Uhr stoppt zwei Hundertstel früher, als sie vorher gestoppt hat. Respekt. Eine tolle Zeit. Ich habe heute wieder einige sehr knappe Zeiten gesehen. Das war total spannend. Eine war sogar Weltrekord! So eine Zeit habe ich bislang überhaupt noch nicht gesehen! Keiner hat so eine Zeit schon mal gesehen. Das war richtig was!»

So in etwa könnte mein Fazit zu einem Rennrodelwettkampf aussehen. Aber ich höre nicht auf, das zu schauen. Voller Begeisterung! Warum? Ich musste richtig lange überlegen, bis ich plötzlich begriff: Das ist im Liegen! Natürlich. Eine olympische Sportart, die man im Liegen ausübt. Selbstverständlich begeistert mich das!

Wenn mir als Kind jemand gesagt hätte: «Du kannst Olympiasportler werden mit einem Sport, bei dem man nur so liegt. Wo man möglichst wenig machen soll!» Darum geht es. Das wusste ich vorher auch nicht. Aber während der Übertragungen wurde es erklärt. Wenn es eben möglich ist, soll man nicht mal den Kopf heben. Kein Gucken, kein Zucken, so wenig Lenkbewegungen wie möglich. Nichts Hektisches machen, sondern einfach nur so, geschmeidig, entspannt, ohne irgendwo anzuecken, locker bergab.

Und zwar nur bergab! Ausschließlich! Bergauf gehört gar nicht zu dem Sport dazu. Das kommt mir auch entgegen. Nur bergab ist interessant. Das ist auch meine Stärke. Bergab. Im Liegen. Nicht zu Fuß. Zu Fuß habe ich Schwächen. Schon immer. Im Liegen bin ich auch konditionell stärker! Aber hallo! Haben schon viele zu mir gesagt:

«Meine Herren, Horst! Du kannst liegen! Ich habe schon viele liegen gesehen, aber du bist echt ihr König! Dass dir das auch gar nicht langweilig wird.»

Nein. Wird es nicht. Noch nie. Denn ich kann’s ja beidseitig.

Ein Hochleistungssport im ruhigen Liegen. Mann, was hätten sich mir da für Möglichkeiten eröffnet. Stattdessen habe ich in meiner Jugend diese Stresssportarten betrieben. Fußball und Handball vor allem. Durchaus ernsthaft. Also ich hatte da schon auch Perspektiven, oder zumindest bin ich doch immer mal eingewechselt worden. Das ist sehr wohl vorgekommen! Und dann ging das los. Mit Selberlaufen, das ganze Programm. Was halt während eines Spiels so anfällt. Wer diese Sportarten mal ausgeübt hat, weiß, das ist gar nicht wenig. Im Gegenteil. Das kann einem schnell über den Kopf wachsen. Erst recht, wenn der knallrot, heiß und vom Tempo überfordert ist. Entspannend ist das sicher nicht. Aber hallo!

Wobei, man muss fairerweise sagen: Solange man den Ball nicht hat, geht’s eigentlich! Doch. Ohne Ball ist es bei diesen Sportarten sehr gut möglich, den Überblick zu behalten. Nach einiger Zeit weiß man normalerweise, welcher der beiden Mannschaften man angehört. Im Regelfall die, die einen sehr viel mehr anschreit. Wenn die anderen nach vorne laufen, läuft man eben mit nach vorne. Wenn die zurücklaufen, wartet man, bis sie wieder da sind. Das ist alles machbar.

Aber wehe, man kriegt den Ball. Dann ist die Hölle los. Sofort wird gebrüllt: «Du hast den Ball! Du hast den Ball! Aufpassen!» Als wenn ich das nicht selbst merken würde, dass ich den Ball habe. Meine Güte, es ist ja nicht für lange. Was kann schon groß passieren? Stattdessen haben alle plötzlich gute Ratschläge parat: «Gucken! Abspielen! Weiteratmen!» Wie soll man das denn alles gleichzeitig schaffen? Zudem möchte ich klarstellen: Ich habe mich ja nie um den Ball beworben. Es lag zu keinem Zeitpunkt in meinem Interesse, den Ball zu bekommen. Und wenn man ehrlich ist, auch nicht im Interesse meiner Mannschaft.

Dennoch hatte ich meine Stärken. Mein Spitzname im Sportverein war damals tatsächlich «Flash», also Blitz. Ohne Quatsch. Gut, der Name war umstritten. Das gebe ich zu. Aber ich wurde so genannt. Kann man sich heute kaum mehr vorstellen. War aber so.

Obwohl, einen anderen Jungen haben wir damals «Schnitzel» genannt. Und das wiederum, weil der Vegetarier war. Na ja. Im Schachverein wurde ich seinerzeit übrigens «Brain» genannt.

Rennrodeln jedenfalls wäre sicherlich mein Sport gewesen. Doch heute ist es wohl definitiv zu spät für eine große Karriere auf den Kufen. Nicht wegen des Alters oder weil ich das nicht mehr lernen könnte. Das müsste man erst nochmal abwarten, ob ich das nicht doch hinkriegen würde. Nein, unmöglich ist es wegen dieser Rodelanzüge. Da möchte ich mich nicht drin sehen. Die sind ja schon extrem eng. Nicht mal meine Haut sitzt so eng wie diese Rodelanzüge. Das muss man tragen können. Und wollen.

Auch meine Tochter sollte so was nicht sehen. Will sie auch gar nicht. Hat sie schon gesagt. Niemand sollte das sehen, findet sie. Wo sie wohl recht hat.

Man kann somit sagen, ich verzichte letztlich aus modisch-ästhetischen Gründen auf den Olympiasieg. Oder zumindest auf eine Medaille. Hat ja auch eine gewisse Größe. Dieser Verzicht. Grandezza quasi. Das ist sozusagen mein Geschenk an die Welt. An den Frühling! Sprich: an den Frühling der anderen. Dass die mich nicht im Rodelanzug sehen müssen. Dankt einem ja auch keiner.

[…]

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